für Prävention und Gesundheitsförderung

In Bochum werden 60 Schüler zu Botschaftern für ein besseres Leben.

Crash-Kursus. Praktische Lebenshilfe. Gesundheitslehre, die im wahrsten Wortsinn Schule macht. Es gibt viele Namen für das, was am 7. und 8. November im siebten Stock des Gebäudes an der Universitätsstraße 142 passiert. Aber es gibt nur einen Mann mit nur einem Ziel, der all das möglich macht. Der Mann: Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer. Sein Ziel: eine bessere, eine gesündere, eine lebenswertere Zukunft für die Menschen von Morgen.

Morgens halb zehn in Deutschland. Der letzte Platz ist belegt. Rund 60 Schülerinnen und Schüler der Stufen 7 bis 11 sind extra aus Hessen angereist, um in den Genuss einer besonderen Ausbildung zu kommen: der zum Gesundheitsbotschafter. Doch kaum haben sich die Jugendlichen auf die Stühle gesetzt, macht Grönemeyer ihnen im wahrsten Sinn des Wortes Beine. Hinstellen, aufpassen, mitmachen ist angesagt. Der Radiologe Grönemeyer ist kein großer Freund von Frontalunterricht, wohl aber von direkter und persönlicher Ansprache. „Wer von euch will später mal Arzt werden?“ will er wissen. Vielleicht ein Dutzend Schüler heben die Hand. Grönemeyer lacht: „Mal gucken, was ihr morgen sagt...“ Gesundheitsbotschter werden macht Spass

Der Arzt mit Herz und Seele sieht seinen Beruf eher als Berufung. Die „Mission Gesundheit“ immer klar vor Augen. „Mir ist wichtig, dass schon Kinder über ihren Körper Bescheid wissen. Dass ihr wisst, was ihr tun könnt, wenn ihr krank seid. Und noch wichtiger: Was ihr tun könnt, um gar nicht erst krank zu werden.“ Doch genug der Worte, jetzt geht’s spielerisch ans Werk, für den Anfang mit Quiz-Show-Style: „Wie viele der 10- bis 17-Jährigen haben schon Rückenschmerzen?“, will Grönemeyer wissen. Die Schüler schätzen munter drauf los. Die Antwort des Professors gibt vielen zu denken: 70 Prozent!

Warum? Es sind die „tonnenschweren“ Tornister, der Leistungsdruck, das viele Sitzen in der Schule und zuhause vor dem Computer. Die Bequemlichkeit spielt eine Rolle, die Unbeweglichkeit. „Wir beobachten zunehmend, dass schon Kinder Zucker bekommen, unter Stress leiden und auch junge Menschen Opfer von Burnout werden“, sagt der 60-Jährige. Das dürfe so nicht weitergehen und schon gar nicht schlimmer werden. Grönemeyer versucht auf seine Weise dagegen zu halten: „Wir wollen Gesundheitsunterricht in Schulen verankern, überall. Einen Stunde Bewegung an jeder Schule, an jedem Tag“. Der ausgebildete Gesundheitsbotschafter sei ein „Schülerlehrer“, von dem auch Lehrer noch etwas lernen könnten. Denn auch die wüssten oft viel zu wenig über den eigenen Körper. Nur die wenigstens dürften beispielsweise wissen, dass der Körper etwa 200 Knochen hat. Dass Schüler heute im Schnitt vier bis fünf Stunden vor dem PC oder Fernseher hocken, wie Melissa später richtig tippen wird. Dass es zwölf Brustwirbel gibt, wie Mariell sagt oder wie sich die Bandscheiben, diese „Stoßdämpfer der Wirbelsäule“, von Proteinen ernähren. Und: Dass eben diese Bandscheiben gar nicht so schlecht sind wie ihr Ruf. Nur bei drei Prozent der Rückenleiden haben Bandscheibenvorfälle für die Probleme gesorgt, weiß Marius. Aber, was die Wenigsten wissen: In 80 Prozent aller Fälle sind Verspannungen die Übeltäter. Auch die Fallen nicht vom Himmel: Stress, Trauer und Wut nennt Alexander als mögliche Ursachen und verdient sich einen dicken Applaus. Kälte, falsche Ernährung, zum Beispiel zu viel Weißmehl-Produkte - all das wird auf dem Rücken der Kinder ausgetragen.

Grönemeyer wird nie müde, sein Motto auf den Punkt zu bringen: „Bewegen, bewegen und noch mal bewegen – turne bis zur Urne!“ Und schon stehen die Schülerinnen und Schüler wieder. Dehnübungen sind angesagt. Kopf auf die Schulter. Die Hände schräg hinter dem Rücken verschränkt. Stehen und Hüpfen auf einem Bein, um ganz nebenbei den Rücken zu trainieren. Dieses ganz besondere Organ, das eben so viel mehr ist als ein Ding, das den Menschen nicht einfach ineinandersacken lässt. Was der Rücken so kann, sehen die Gesundheitsbotschafter von Morgen auch in Videos, in denen ein Skelett mal eben eine so schlagfertige wie amüsante Karate-Einlage gibt. „Wir müssen weg von der 'sitzenden Gesellschaft'“, sagt der Rückenexperte. „In den Schulen wird sich zu wenig bewegt. Wir, nein ihr müsst das ändern! Eure Ideen sind gefragt, gebt euer Wissen weiter!“

Der renommierte Arzt, der selbst Kinder und Enkel hat, ermuntert die Schülerinnen und Schüler, ihm und den anderen acht Referenten Löcher in den Bauch zu fragen. Motto: Es gibt keine falschen Fragen. Höchstens keine Fragen zu haben, kann falsch sein. Viele Ärzte nähmen sich nur das „Fahrgestell Körper“ vor, fragten aber nur selten nach Gefühlen, nach Gedanken, nach der Rolle und dem Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist.

„Jeder hat sein Schicksal auch selbst in der Hand“, sagt Grönemeyer. Und jeder der Schüler hat es in der Hand, nicht nur ein Zertifikat, viel Wissen und ein signiertes Buch - „Die neuen Abenteuer des kleinen Medicus“ - mitzunehmen, aus dessen Inhalten sich spielerisch Übungen und Unterrichtseinheiten entwickeln lassen – nein, die rund 60 Schüler haben auch die Chance, etwas vom zweitägigen Seminar mitzunehmen, das vielleicht ein Leben lang hilft: das Wissen über ein besseres, ein gesünderes, ein bewegendes Leben.

Wer Grönemeyer kennt, weiß: Er ist ein Mann des Wortes und der Tat. Tatsächlich haben die Gesundheitsbotschafter an beiden Tagen viele Chancen, ihr theoretisches Wissen praktisch zu erleben und auszuprobieren. Ob Sportübungen im benachbarten Reha- und Fitness-Center „Wirbelwind“, Geschicklichkeitseinlagen auf einem Wii-Board, Gleichgewichtstraining oder ein Bio-Mittagessen – Wissen muss auch gelebt, Wissensdurst auch gestillt werden. Dabei halfen an beiden Tagen viele Mitstreiter tatkräftig mit, am Start u.a.: Sport-Expertin Natalie Gawenat, Michael Kählig, Malte Schürmann, Frank Schumacher-Henrich.

Erstmals Thema auch: Mobbing. Experte Wolfgang Kindler zeigte beides auf: die Gefahren und Schutzmechanismen dagegen. Wie gefährlich Süchte – von der Drogen- bis zur Magersucht – werden können, führte Michael Rausch so plastisch wie drastisch vor Augen. Ökotrophologin Anna Pillinger konnte ihm nur zustimmen. Sie brachte in ihrem Vortrag Essstörungen auf den Stundenplan.

Und wie kam das Programm bei Schülern und Lehrern an? Sebastian Klaar von der Dreieichschule Langen bringt es so auf den Punkt: „Das waren zwei ereignisreiche Tage, viel Input und Praxis“, freut sich der engagierte Pädagoge. Vielleicht das Wichtigste für ihn: „Wir nehmen jede Menge Ideen mit in die Schule.“ Ideen, die in den kommenden Wochen und Monaten von den Schülern kreativ umgesetzt werden können.

Beispielsweise von Marvin. Der Zwölfjährige aus der siebten Klasse der Gesamtschule Obersberg saß nicht nur in der ersten Reihe, er war auch beim Mitmachen Frontmann: „Den Vortrag über Mobbing fand ich klasse. Da habe ich gelernt, wie ich mich wehren kann.“ Die Ernährungskunde brachte ihn auf den Geschmack, die Info zur Suchtprävention grub sich ins Gedächtnis.
Den Vortrag zum Bewegungsapparat fand er spannend und gut verständlich. Nun kann er es gar nicht erwarten, seinen Eltern zu erzählen, was er alles erlebt hat und will am liebsten schon die nächste große Pause für Geschicklichkeitsspiele für Fünftklässler nutzen.
Die 17-jährige Frederike Stuth von der Augustinerschule war schon zum zweiten Mal dabei. Doch langweilig werde es nie: „Das Thema Mobbing fand ich sehr gut. Wir machen zuhause jetzt ein Projekt für die 6. Klassen daraus“, sagt sie. Und: „Über Essstörungen möchte ich jetzt noch mehr wissen.“ Dabei hatte sie allein in den beiden Tagen schon Wissen satt gesammelt und sechs Din-A-4-Seiten vollgeschrieben...

Das Projekt Gesundheitsbotschafter ist nur eines von vielen der Dietrich Grönemeyer Stiftung. Seit Bestehen der fruchtbaren Kooperation mit dem Hessischen Kultusministerium 2009 kommen jedes Jahr Hunderte Schülerinnen und Schüler in den Genuss der besonderen Fortbildung.

Die einmalig gute Zusammenarbeit der Stiftung und des Ministeriums versteht sich auch als Initialzündung für weitere Projekte dieser Art, die schon bald bundesweit Schule machen sollen.